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Das luftleere Bild. Blicke der Erinnerung.

Dagmar Travner zu den Arbeiten von Ruth Brauner

Die aus reiner Acrylfarbe hergestellten Luftleer-Objekte werden im Werkzyklus er inner ung luftleer als ein reines Meer/mehr an Farbe präsentiert und muten in ihrer Farbigkeit und fraktalen Struktur wie Korallenriffe an. Einige der Reliefe sind mit Teilen aus anderen, älteren Arbeiten collagiert. Die Idee zum Titel geht auf die Installation 100 Nummern luftleer aus dem Jahr 2010 zurück.

Die Werke setzen sich als Collage aus Zeichnungen, Fotografien, Malerei und vor allem Strukturen aus purer Farbe reliefartig zusammen. Sie wirken zwar auf den ersten Blick als gerahmte zweidimensionale Arbeiten, doch bei genauerer Betrachtung stellt sich jedes Bild als mehrschichtiges, dreidimensionales Objekt heraus. Bei den Luftleer-Arbeiten ist die Räumlichkeit durch die Acrylstrukturen stark in den Vordergrund gerückt. Ausgeschnittene und aufgebogene Bildteile, übereinander geschichtete Farb-Skulpturen, dichte Assemblagen.

Ruth Brauner malt, zeichnet und fotografiert, collagiert diese Teile und bearbeitet dann die Arbeiten weiter durch Ausschnitte, die sie aus früheren Arbeiten überträgt. Die Erinnerungsstücke erfahren durch die Wieder-Holung, durch die zeitliche und örtliche Verschiebung eine Einschreibung in einen anderen Kontext. Verschobene und verlorene Erinnerungen treten an den Leerstellen zu Tage. Mehrere Zeitebenen lassen sich in ein und demselben Werk finden.

All dies führt zu spannenden Veränderungen, die sich in kleinen Unterschieden bis zur Täuschung der Wirklichkeit, ja in Trugbildern manifestieren – und trifft somit ziemlich genau das, was Jacques Derrida mit Différance meint. Die aktuellen Arbeiten konstituieren also in ihrem Da-Sein eine in sich unendlich fortsetzende Différance zu allem bereits Da-Gewesenen.

 

Ein-Blicke und Verschiebungen im luftleeren Raum

 

Ruth Brauner macht das kollektive künstlerische Gedächtnis sichtbar, ihre Arbeiten geben Einblicke in ihren eigenen kreativen Vorgang. Sie erstellt eine Grammatologie des künstlerischen Schaffens. Durch die wiederholte Verschiebung erscheinen die Motive letztendlich ihres Kontextes beraubt im luftleeren Raum.

Die Künstlerin lässt Figuren abwesend und wieder anwesend sein. Sie verdoppeln sich durch den Schnitt, teilen sich in die sichtbare Person, die weiterwandert, und ihren Schatten, der als ausgeschnittene Silhouette im ursprünglichen Bild verbleibt. Ruth Brauner bezieht sich auf C.G. Jung, wenn sie sagt: „… die Persona, die nicht von ihrem Schatten zu trennen ist, zu dem der Zugang aber oft verloren gegangen ist.“ Heike Rosenbaum weist – Henri Bergson zitierend – darauf hin, dass uns die Erinnerung wie ein Schatten verfolge. Etwas, das in allen Arbeiten Brauners – ob sichtbar oder auch gar nicht sichtbar – mitschwingt. Denn die Motive bringen ihre Geschichte mit.

Erinnern kommt etymologisch von Innen (althochdeutsch innaro = inwendig), man hört in sich hinein, was da mal war. Ruth Brauner fördert visuelle Erinnerungen zu Tage. Sie erzählt Geschichten in jedem ihrer Bilder, ihre Arbeiten sind redselig, sie generieren unzählige Assoziationen beim Betrachtenden.

Da sind diese Gesichter und Gestalten. Sie kommen und gehen, verlassen das Bild und kehren in einem anderen wieder. Was haben sie während dieses Übergangs erlebt? Hat sie die neue Umgebung verändert?

Träumen diese Figuren, während sie von einem Bild ins nächste wandern? Sie wandeln sich in der Zeit, sind Überreste vergangener Tage und erscheinen wieder an andern Orten zu anderen Zeiten in leichter Veränderung.

 

Mit diesen luftleeren Arbeiten werden die Leerräume zu Zwischenreichen, in dem sich die Gestalten mit ihren Erinnerungen zu neuem Leben erwecken. Sie lugen durch die reine Farbe, sie stürzen sich in luftleere Abgründe, sie blicken einen an mit diesen intensiven Augen und sagen: Hier bin ich in einem Wald von Farbe. Und dazwischen ist nichts mehr.

Doch bei Fortschreiten der Arbeiten er inner ung luftleer verschwinden die Gestalten, und es bleibt ein leerer Wald an reiner Farbe. Wohin sind die Gestalten entschwunden? Verloren gegangen? Wo befinden sie sich nun? Etwa in einem gänzlich luftleeren Raum? Die Erinnerungen sind konserviert, vergraben in einem Abgrund des Vergessens, bis sie wieder aufgetaucht sein werden – wann immer das sein mag. Denn Erinnerungen kommen immer zum Vorschein, man kann sie verdrängen, verarbeiten, bearbeiten, scheinbar vergessen – doch plötzlich sind sie wieder da. Da genügt ein kleiner Anreiz, und sie geraten wieder ins Blickfeld. Diese Erinnerungsfiguren schauen einen mit großen blauen Augen an und lassen einen nicht mehr los.

 

Unheimliche Erinnerungsspuren

 

Ruth Brauners Werk-Fragmente stammen ursprünglich aus ihren eigenen Bildern, aus ihrem Leben gegriffenen, privaten Stücken, Kindheitseindrücken, eigener und ihrer Kinder, der Familie; es gibt dabei sowohl Vorgefundenes wie auch bereits Gestaltetes. Portraits einer persönlichen und authentischen Geschichte. Diese sind mutiert zu künstlerischen Versatzstücken, beweglichen Teilen, verschiebbaren Objekten: Erinnerungen an die Erinnerungsbilder vergangener Zeiten und deren Erinnerungen. Und so weiter. Diese Erinnerungen bewegen sich von einer Bilderserie in die andere, verändern sich, gehen verloren, es kommen neue hinzu. Doch irgendwo sind sie alle versammelt, alle Gedanken an vergangene Werke und Personen, und lauern versteckt in einem tiefen Wald. Sie haben sich ihr eigenes Heim geschaffen, leben unbeobachtet von der ausgestellten Welt, in der die Bilder angeschaut werden. Aus ihrem Versteck blicken sie in unsere Welt, schauen uns an, und hier und da lassen sie sich auch blicken. Das sind dann beispielsweise die großen blauen Kinderaugen, die zwischen Acrylfarbstrukturen unversehens erscheinen.

Die Figuren entfliehen ihrer Umgebung in eine andere Wirklichkeit. Und in einer anderen Zeit tauchen sie als Erinnerung wieder auf. Es ist das Motiv von Anwesenheit und Abwesenheit, des spielerischen Fort-Da, dem Ruth Brauner in ihren Bildern immer wieder nachspürt.

Was treiben die Figuren, wenn wir sie nicht anschauen? Sind sie da oder fort? Wann entziehen sie sich unseren Blicken? Wann beobachten sie uns mit ihren großen Augen? Aus dem Bild heraus? Aus ihrem Versteck heraus? Womöglich selbst unbeobachtet in Verkehrung der üblichen Bildbetrachtung der AusstellungsbesucherInnen? Jacques Lacan hat dieses Phänomen doppeldeutig ausgedrückt: „Ça me regarde!“ Er meint damit einerseits den Blick, der mich anschaut, und anderseits das Gefühl, dass es mich etwas angeht.

 

Das Heim dieser Erinnerungsfiguren ist heimelig und unheimlich zugleich. Es ist die Unheimlichkeit des sehr Vertrauten, aber doch im Verborgenen Liegenden. Es ist der geheime Ort, wo sich nach Sigmund Freund der Begriff des Heimlichen mit seinem Gegensatz, dem Unheimlichen, deckt. Die Spaltung in den eigenen Doppelgänger und die Konfrontation mit vertrauten, wenngleich verschütteten Erinnerungen wird als unheimlich erlebt. Es ist die Unheimlichkeit des Wohlbekannten, das wir vergessen zu haben glaubten, aber unvermutet und mit aller Wucht wieder an die Oberfläche dringt. Es sind die Rituale der verdrängten Wesen, die im Wald des vermeintlichen Vergessens ihr Unwesen treiben. So harmlos sie erscheinen mögen – sie sind es ganz und gar nicht. Werke, Motive und ihre Figuren spielen ihr Eigenleben, seit jeher, seit es Kunst, ja seit es Kult gab. Denn am Anfang der Kultur steht die Erinnerung – des Vertrauten, Vergessenen, Heimlichen und auch Unheimlichen.